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Kindesmisshandlung

VIELE PROBLEME - KEINE PATENTLÖSUNGEN

Graz. Vom 21. - 23. 9.2000 fand in Graz die Jahrestagung der "Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde" statt. Eines der Hauptthemen war "Kindesmisshandlung und Kindesmissbrauch". Die Tendenz ist steigend, Patentlösungen gibt es keine. Seitens der Erwachsenenpsychiatrie postulierte der scheidende Ordinarius für Psychiatrie an der Universitätsklinik in Graz; Prof. Hans Georg Zapotoczky, eine veränderte Rolle des Mannes / Vaters in der Gesellschaft, mit der "einige nicht fertig" werden und "ihren rigorosen Machtanspruch über die sexuellen Missbrauch ausleben". Wenig erfreulich auch die Tatsache, dass verschiedene Bemühungen im Ausland zu Massenprozessen geführt haben, in denen die betroffenen Kinder durch die Aufklärungsinitiativen derart unter Druck gesetzt wurden, dass sie schließlich "positive Berichte" gegeben hatten, die allerdings der Prüfung durch die Gerichtspsychologen nicht Stand gehalten haben. Kurios am Rande, dass es für den Grazer Pädiater und Kinderpsychiater Prof. Michael Millner offenbar die Medien sind, die eine unrühmliche Rolle spielen oder es in der Steiermark eine "SchauerInnenkommission" gibt, die von Kindergarten zu Kindergarten reist, um "auffällige" Kinder zu identifizieren. Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky machte unmissverständlich klar, dass es sich bei den Tätern häufig um Männer handelt, die einen verloren geglaubten Machtanspruch durch eine "Intimisierung der Macht" über (sexuelle) Gewalt wieder herstellen wollen. Mit der geänderten Rolle des Vater in Gesellschaft und Familie kommen nicht alle Männer zurecht. Ihr Ansatz liegt im "Ich mache Dich fertig, ich zerstöre Dich!". Sie wollen Hörige statt Angehörige. Andererseits liegen bei diesen Männern oft eigene psychische Probleme vor, die sie mit einer Abkapselung ihrer gesamten Familie von der Gesellschaft beantworten und es so zu einer "Gesamtstörung in diesen Familien" kommt. Das Spektrum der väterlichen Störungen ist weit - hier nur einige Beispiele: 60% Angst & Depression, 40% Suizidversuche, 19% Drogenmissbrauch. Diese Daten ergab eine großangelegte Analyse an 962 Patienten. Prädestinierend ist auch die Scheidung der Eltern in der eigenen frühen Kindheit. Psychischer Missbrauch geht körperlichen oder sexuellen Attacken voraus. Diplompsychologin Prof. S. Friedrich aus Dortmund skizzierte Situationen und Bemühungen im benachbarten Deutschland. Es sei kein neues Phänomen und die ersten Beschreibungen gingen bereits auf 5.000 Jahre alte Tontafeln zurück. Das erste Kinderschutzgesetz datierte aus dem 13. Jahrhundert in England, aber erst im ausklingenden 19. Jahrhundert sei ein ernsthaftes Interesse an entsprechenden Maßnahmen entwickelt worden. Anfang des 20. Jahrhunderts beschäftigte sich Sigmund Freud erstmals wissenschaftlich mit der Thematik und wurde postwendend gezwungen, seine Thesen zu ändern. Zahlreiche Fehlmeinungen wie das "Dampfkesselprinzip der männlichen Sexualität" hätten lange Zeit die Täter "entschuldigt" und damit geschützt. Die Analyse der Häufigkeit zeigte ein hohes Niveau in den Jahren 1955 - 1965, dann ein starkes Absinken bis 1985, gefolgt vom neuerlichen Anstieg der Fälle seither. Auch Friedrich formulierte die "Sexualisierung der Macht und stellte fest, dass diese Vorfälle auch das jeweilige Gesellschaftsmodell reflektieren können. Besonders häufig seien sie immer, wenn die materielle und soziale Rolle der Frau eine benachteiligte Position erfährt. Hinsichtlich der Prävention erteilte Friedrich den althergebrachten Formulierungen wie "Geh nicht mit Fremden mit, nimm von ihnen nichts an eine klare Absage, ohne allerdings praktikable Ersatzmodelle anbieten zu können. Angeführt wurden von ihr in diesem Zusammenhang vor allem eine "gute Sexualerziehung", die "Steigerung des kindlichen Selbstwertgefühls" oder das "Anbieten von geschulten Ansprechpartnern". In jedem Falle dürfte bei den Kindern kein Schuldgefühl gefördert werden. Exakt in diese Kerbe schlug die Anklage von Prof. Dr. Michael Millner, von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Graz, der "die Medien" als böses Übel im Zusammenhang mit dem Kindesmissbrauch sieht. Die "schonungslose Darstellung des einzelnen Falles" würde keinesfalls der Vermeidung oder Verhinderung des sexuellen Missbrauchs dienlich sein. Durch die "Art der medialen Darstellung und Aufbereitung" gingen wichtige Botschaften wie die Vermeidung der "sekundären Traumatisierung" verloren. Darunter versteht man die Beschämung eines betroffenen Kindes durch das allgemeine Wissen um den Missbrauch in seiner Umgebung, verbunden mit den entsprechenden "Bemühungen", die vom Kind allerdings als "merkwürdiges, andersartiges Verhalten" höchst belastend empfunden werden. Die Medien würden hier eine besonders unrühmliche Rolle spiele, da sie "kein Interesse haben, die Kinder zu schützen, sondern nur daran, besonders hässliche Varianten darzustellen." Wesentliche Elemente zu sekundären Traumatisierung würden beigetragen von: den angewandten Erhebungsmethoden, der Angst des Kindes vor dem Täter, der Beschämung des Kindes in der Art einer "maximalen Schande" oder dem Ausschluss von der sozialen Umgebung. Besonders die bildgebenden Medien seien an diesen Vorgängen aktiv beteiligt. Der öffentliche Abscheu würde "aufgeputscht", die Öffentlichkeit "scharf gemacht" werden und dies zur kollektiven Forderung nach "Kastration der Täter oder Todesstrafe" führen. "Geopfert wird dabei das betroffene Kind", so Millner in seinen Ausführungen. Der Psychologe Prof. Dr. Max Steller, Institut für forensische Psychologie der Freien Universität Berlin, erläuterte die Problematik des Realitätsgehaltes kindlicher Darstellungen. Repressive und langandauernde Befragungs-/Verhörmethoden - er berichtete von 60- 90 "Befragungssitzungen pro betroffenem Kind - würden vielfach erst eingestellt, wenn das Kind eine entsprechende Schilderung gegeben hätte. Als Beispiel führte er die sogenannten Wormser Prozesse an, bei denen 25 Erwachsene einer Massenanklage (mit anschließendem Freispruch) unterzogen worden waren. Sehr rasch kam heraus, worin das eigentliche Problem dabei besteht. Es geht um die Spannung aus der Absicht der ErmittlerInnen "Beweise für einen strafbaren Tatbestand" zu erbringen und der Tatsache, dass es großer Erfahrung bedarf, ein vermeintlich betroffenes Kind zu befragen. Es kommt laut Steller aufgrund eines "falschen Überzeugtseins von sexuellem Missbrauch" immer wieder zu suggestionsbedingten Irrtümern. Es geht dabei aber keineswegs um "effektive Lügen" von Kindern, sondern vielmehr um eine Art Abwehrmechanismus gegen den Befragungsdruck, angewandte Enforcementtechniken oder die Beispieldarstellung als Erhebungsmethode. "Das sind Befrager-Tricks", Steller pointiert. Die so erhaltenen Aussagen würden dreifachen Schaden anrichten: Pseudoerinnerungen verursachen, den generellen Beweiswert kindlicher Aussagen nachhaltig zerstören und den Opferschutzgedanken letztlich diskreditieren. Die forensische Psychologie bedient sich bei der Realitätsbeurteilung des gezielten Vergleiches von Schilderungen tatsächlich erlebter Situationen mit den Ergebnissen der Befragungen zu Tatbeständen - der sogenannte "merkmalsorientierte Inhaltsanalyse". Das Dilemma liegt zweifellos in der Tatsache, dass es die, vor allem in der US-Literatur als Hinweis-Listen vielfach zitierten "eindeutigen Signale nicht gäbe. Sie seien falsche Umkehrschlüsse aus Fallbeschreibungen. Ähnliche kindliche Verhaltensänderungen wie sie nach sexuellem Missbrauch auftreten können, findet man bei Kindern nach Scheidung der Eltern oder nach jeder anderen Art posttraumatischen Stresses. Steller warnte eindringlich vor unprofessionellem und übersteigert sendungsbewussten Umgang mit diesen schwierigen Situationen und davor, dass Erhebende und Beratende häufig eine viel zu hohe sexuelle Fokussierung bei gleichzeitig viel zu geringem fachlichen Wissensstand aufwiesen, was zu induzierten Belastungsaussagen führen könnte. Abschließend forderte er mehr generelle gesellschaftliche Sensibilität für kindliche Verhaltensänderungen, um damit zur Identifizierung betroffener Kinder beizutragen.

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Prof. S. Friedrich
Diplompsychologin
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Prof. Michael Millner
Pädiater und Kinderpsychiater
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Prof. Dr. Max Steller
Psychologe
(Jpeg 1181x1575 - 216KB)

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